Medellín - Wandel und Bestehendes

Gastbeitrag von Luki!

Fussball

Natürlich mussten wir den Nationalsport von Kolumbien (ganz Südamerika) begutachten und machten uns in Medellín auf zum Fussball. Medellín hat zwei grosse Mannschaften Deportivo independienst Medellín und Atlético Nacional. Da uns der Spieltag von Atlético Nacional besser in unsere Agenda passte, besuchten wir das Spiel Atlético National gegen die Leones. Mit dem Ticket im Sack (Tasche) machten wir uns mit der Metro auf zum Stadion. Das Stadion, welches von beiden Vereinen genutzt wird gehört zu einem grossen Sportkomplex mit Skateboard Park, diverse Sporthallen, Baseballfeld, Schwimmhalle etc. Ganz schön war zu sehen, dass auf diversen Aussenplätze Leute zusammenkamen und z.B. Tanzen oder Jonglieren übten oder zusammen ein Workout ausführten. 

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Entgegen unseren Erwartungen war es ganz ruhig ums Stadion und keinerlei aufgeheizte Stimmung. Das Stadion selbst war bei weitem nicht ausverkauft, was wahrscheinlich daran lag, dass Kolumbien an diesem Abend spielte und die Leones momentan Tabellenletzter sind. Die Fankurve war sozusagen voll und was die Fans über 90min darboten war einfach fantastisch. Ohne zu übertreiben sang und hüpfte die Fankurve durch, Lied für Lied. Man hörte keine Pfiffe gegen den Unparteiischen oder gegen die gegnerische Manschaft, es war einfach ein Fest. Das Spiel selbst war nicht so hochstehend und eigentlich auch zweitrangig. Atlético Nacional gewann 3:1 und somit waren alle zufrieden. Wenn man die Zeit hat, sollte man sich in Medellín ein Fussballspiel anschauen - es ist ein Erlebnis.
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Tejo

Das Nationalspiel von Kolumbien ist Tejo, Tejo was? Dies habe ich mich auch gefragt und Fia hat uns kurzerhand für einem Spielabend über ihre Spanischschule angemeldet. Als wir am Rand von Medellín an der Spielstation mit den anderen Tejo Neulingen (auch Kolumbianer) ankamen, erklärte uns zu unserer Verwunderung kein Einheimischer, sondern ein ausgewanderter, angetrunkener und kulturbedingt überheblicher Ami das Spiel. Wir bekamen direkt zwei Bier Bons für die Bar am Spielrand, somit war auch klar, dass beim Spiel nicht wenig getrunken wird. Also Tejo; Tejo ist die moderne Form eines südamerikanische Indianerspiels. Man bildet zwei Teams und jeder bekommt ein Stein, welcher die Form eines Ufos hat. Dieses Ufo wird dann aus 19.50m (wir aus 10m) Distanz auf eine geneigte Tafel geworfen mit dem Ziel in einen 15cm Metallring zu treffen. Die Tafel ist mit Lehm überzogen damit der Tejo (Ufo) stecken bleibt. Zu Zeiten der Indianer war der Tejo aus Gold und der Metallring eine Goldplatte, welche man einstecken konnte, wenn man sie traf. Damit die Spanier den Indianer alles Gold wegnehmen konnten mussten sie ihnen eine Alternative bieten. Da ja alles in Südamerika heute laut ist, kam man dann schon auf die Idee, auf dem Rand des Metallkreises Taschen mit Schwarzpulver zu platzieren.
Die genaue Punkteverteilung weiss ich nicht mehr genau und ist regionsabhängig. Das höchste aller Gefühle ist, den Tejo (Ufo) in die Mitte des Kreises zu platzieren ohne eine Explosion auszulösen. Am zweitmeisten Punkte gibt die Schwarzpulver Taschen zum Explodieren zu bringen, was beim ersten Mal bei Neulingen beeindruckende Reaktionen auslöst (Achtung Tinnitus). Wenn niemand die zwei genannten Ziele erreicht, gewinnt das Team die Runde, welches einen Tejo am nächsten beim Kreis hat. Das Spiel macht echt Laune und mit der Zeit werden auch immer mehr Explosionen ausgelöst, was den Stimmungsbarometer mit Alkoholeinfluss extrem hebt. Nebenbei waren die Touristengruppen an diesem Abend die besseren Kolumbianer und gewannen gegen die einheimischen Neulinge. Das Spiel macht sehr viel Spass, aber wieso immer etwas explodieren muss, versteht man wohl nur als Kolumbianer.
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Medellín Geschichte

Als wir in Medellín ankamen, wussten wir nicht viel über die Geschichte von Medellín, nur dass die Stadt in einem Jahr als gefährlichste der Welt betitelt wurde und mittlerweile einen Preis als innovativste Stadt der Welt bekommen hat. Dieser Wandel hat uns wohl nach Medellín geführt, wo wir durch diverse Führungen, Museumsbesuche und Internetrecherchen Folgendes erfahren haben.
Gegründet wurde Medellín im Jahre 1616. Im Ursprung produzierte Medellín hauptsächlich Kaffee. Ende des 19. Jahrhundert begann die Industrialisierung des Gebietes. Ab dem Jahre 1930 entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Industriezentrum. Mit mehr als 2.4 Millionen Einwohnern ist Medellín die zweitgrösste Metropole hinter der Hauptstadt Bogota. Seit der 1980er befand sich Medellín in den Händen der Drogenkartelle, wovon sich die Stadt momentan erholt und einen enormen Wandel erlebt, was dazu führte, dass sie 2012 vom Wall Street Journal zu innovativsten Stadt der Welt ernannt wurde und mittlerweile anderen Städten in Südamerika mit ihrer Erfahrungen hilft, die Lebensqualität zu erhöhen mit diversen Projekten. Medellín gilt plötzlich als Vorbild.
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Wie kams dazu

Die Geschichte Medellíns ist eng mit dem Namen Pablo Escobar verbunden. Durch gross angelegten und erstmals in der Kriminalgeschichte industrielleren Drogenschmuggeln, wurde er als Oberhaupt des sogenannten Medellín - Kartells zu einem der reichsten Menschen der Welt. Der Hauptabsatzort der Drogen waren die USA. Das Medellín-Kartell hatte Medellín in den 1980 bis Mitte der 1990 in der Hand und konnte nahezu ungehindert bis zum Tod ihres Bosses 1993 wüten. Als Medellín zur gefährlichsten Stadt der Welt ausgezeichnet wurde, zählten sie 6810 Morde im Jahre 1991. Nach dem Ende dem Medellín - Kartells keimte Hoffnung auf, doch das Blatt wendete sich wieder und es füllten rivalisierenden Guerilla Milizen das Machtvakuum und Drogengeschäft und machten ein Leben in dem Elendsviertel unmöglich, bis die Regierung mit den rechten, paramilitärischen Kräften (Armee der Reiche) die Viertel Gasse um Gasse «befreiten». Jeder, welcher nur in den Verdacht geriet zu den Guerilla-Milizen Kontakte zu haben, landete auf der Deponie. Es fanden zwischen 2002 – 2012 diverse Räumungen (ca. 10) in dem Elendsviertel statt. 2002 fand die Grösste mit vielen zivilen Opfern und auch politischen Opfer der linken Gegner statt. Bis heute kämpfen die Angehörigen um Aufklärung.
Der Wandel ist erstaunlich, durch diverse Investitionen und Projekte wurde er eingeleitet. Moderne Rolltreppen führen heute in die hoch gelegenen Viertel, die früher Slums waren. Seilbahnen bringen die Menschen ganz nach oben und eine blitzsaubere Metro durchzieht die Stadt. Die Menschen, welche früher abgekapselt von der Stadt waren, können heute am Leben teilnehmen. Heute kann jeder die Schulen oder Arbeitsplatz erreichen.  
In Medellín spricht man den Namen von Pablo Escobar nicht aus, man weiss, wenn man über ihn gesprochen wird und er ist der Mann, dessen Name nicht genannt wird. Auch möchten die Einwohner mit der Vergangenheit abschliessen und ihre Stadt den Besucher zeigen und nicht die von Pablo Escobar. Daher haben auch wir auf eine solche Führung verzichtet. Auf den Führungen, welche wir in Anspruch genommen haben, kommt man unweigerlich mit der Vergangenheit in Kontakt. Es wird immer wieder erwähnt, dass der Tourismus ein grosser Teil zu der Veränderung der Stadt beiträgt und es wird dir sogar persönlich gedankt. Es geht sogar so weit, dass eine wildfremde Person auf der Strasse anhält und der Gruppe Touristen, welcher wir angehörten, dankt im Stile eines Grossi (deutsch: Oma) mit feuchten Augen, dass wir hier sind. Dieses Gefühl begleitet einen oft in Medellín, dass man sehr willkommen ist und man bildet sich wirklich mit der Zeit ein, ein kleiner Teil der Veränderung zu sein.
Die schreckliche Vergangenheit der Stadt ist in den Schulen kein Thema, was dazu führt das Pablo Escobar heute, bei vielen Milliennials als moderner Robin Hood wahrgenommen wird. Nicht ganz unschuldig ist die Neue Netflixs Serie über Pablo Escobar wo sein Leben verehelicht wird. Es ist erschreckend wie schnell man vergisst, wenn man die Geschichte zu wenig aufarbeitet. Man bedenkt, dass sogar 30-jährige in den betreffenden Viertel den Kriegszustand erlebt haben, Freunde und Angehörige verloren haben und auf der Strasse liegen lassen mussten, um nicht selbst zum Opfer zu werden. Es sind noch nicht einmal alle Massengräber um die Stadt geöffnet worden und die Opfer identifiziert. Wenn man aber alle die guten Projekte durch Freiwillige, sowie die Aufbruchstimmung in der Stadt mitbekommt, ist man guten Mutes, dass es mit der Stadt weiterhin bergauf geht, sofern die neugewählte, rechte Regierung der Reichen dies auch will. Wir jedenfalls haben uns in die Stadt verliebt und empfehlen sie allen. Die Empfehlung wurde uns auch immer wieder eingetrichtert und vor allem sollten wir unseren Müttern sagen, dass wir in Medellín sicher sind.

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