Medellín - Alltag, Ausflüge und Centro Tour

Unser Alltag

Da ich in Medellín eine Sprachschule besuchte und wir mal eine Pause nötig hatten, gestaltete sich unsere Alltag in der ersten Woche sehr gleich. Sonntags angekommen, hatte ich bereits Montagmorgen Schulstart und sass nun jeden Tag von 9-13 Uhr in der Schule. Luki nutzte die Zeit um nachzuschlafen, aber auch um Recherche über Kolumbien und Ecuador zu betreiben, sowie zu zeichnen. Das Viertel El Poblado (dt.: der bevölkerte) ist bekannt unter Reisenden und hatte dementsprechend einiges zu bieten. Auch hohe Preise. Unser Hostel lag auf einer ruhigen Strasse umgeben von anderen Hostels und Restaurants. Keine Bars alles ruhig, sehr gut. Während der ersten Tage beschränkten wir uns eigentlich auf kleiner Erkundungstouren, denn in dem Viertel, ca. 15 Minuten Fussweg von unserem Hostel weg, lag auch noch eine weitere Bar-, Hostel-, Restaurant-Zone und hier konnte man essenstechnisch echt kleine Goldschätz finden, die ein Mittagsmenü (3-gängig & vegan) für max. 15'000 Pesos anboten (5 CHF). Ausserdem geht hier am Wochenende abends die Post ab, aber in den „Genuss“ kamen wir nicht, da keine Lust. Abends gab es dann noch von der Sprachschule angebotene Aktivitäten. Den Sprachaustausch mit Einheimischen, die Englisch lernen wollen, besuchte ich alleine. Es war total lustig und mega interessant. Die Kolumbianer sind echt witzig, super herzlich und lieb und freuen sich echt, neue Leute kennen zu lernen. Die Möglichkeit Tejo spielen zu gehen, liessen wir uns auch nicht entgehen und Lukas durfte sogar mitkommen. Was Tejo ist und wie es war, schreibt er dann noch mal als Gastautor in einem separaten Blogeintrag. Ebenfalls berichtet er über das Fussballspiel, welches wir im Stadion von Medellin angeschaut haben.
In der zweiten Woche hatte ich dann Privatlektionen (war günstiger als Klassenunterricht, da der Montag frei war), welche am Nachmittag statt fanden. Dadurch und dank einer gewissen Grundentspannung, die sich langsam breit machte, konnten wir am Vormittag einiges unternehmen und ich liess mir sogar noch ein Tattoo stechen. Ja wirklich, ein echtes :D
Morgens gingen wir immer in einem kleinen Laden neben unserem Hostel für 1200 Pesos „Tinto“ (Filterkaffee) trinken und danach frühstückten wir im Hostel.
Am Vormittag unternahmen wir Ausflüge in den Rest der Stadt, nahmen an Touren teil und liessen uns ein bisschen treiben.
Alles in Allem war es toll für zwei Wochen so in den Vibe einer Stadt einzutauchen, auch wenn es natürlich immer noch nicht genug ist, um wirklich den Alltag dort zu leben. Trotzdem haben wir auch durch die Lehrer der Sprachschule und die Touren der Einheimischen sehr schöne und berührende, aber auch schockierende Einblicke in die Stadt und ihre Vergangenheit sowie Gegenwart bekommen.

abendmedellinjpg

nachtpobladojpg

Parque Arví

Einer unserer Ausflüge führte uns zu dem Parque Arví. Ein Park über den Hügeln der Stadt. Dorthin kommt man mit der Metro, dann steigt man in eine Gondel um, die noch zum öffentlichen Verkehr der Stadt gehört. Man fährt einen Hügel hoch, genau über das Viertel, für das die Bahn gebaut wurde. Es sieht toll aus, Häuser und Graffitis und Fussballplätze mitten am Hang, so willkürlich sieht es manchmal aus. Im oberen Teil des Viertels steigen wir aus und wechseln zur „touristischen“ Gondelbahn. Das bedeutet eigentlich nur, dass man noch mal extra zahlen muss, da die Bahn nicht um öffentlichen Verkehrssystem integriert ist. Und es gibt keinen Zwischenhalt. Etwas typisches für die öffentlichen Gondelbahnen: Zwischenstationen, damit Leute aus- und zusteigen können.

medellinoben2jpgFahrtparquearvijpg

Weiter geht es also ca. 15 Minuten auf den Hügel rauf und dann mehr oder weniger gerade aus. Die Stadt ist nicht mehr zu sehen, nur noch Wald und auf einem Kabel unterhalb der Gondel sitzt ein Falke.
Beim Ausstieg erwartet einen ein kleiner Markt, mit angemessenen Preisen. Ein Indiz dafür, dass viele Einheimische ebenfalls hier hoch fahren, insbesondere am Wochenende, um sich von dem lauten Stadtleben zu erholen.
An der Info bekommen wir einen kleinen Flyer in die Hand gedrückt, mit einer Übersicht über den Park und seine Wege und wir bekommen einen Weg erklärt, der sich gut auch ohne Guide laufen lässt. Wir laufen los und bemerken bald, dass dieser Weg auf einer asphaltierten Strasse verläuft, auf der auch Busse und LKWs fahren. So viel zur Erholung vom Stadtlärm. Hahaha
Um nicht die ganze Zeit an der Strasse zu laufen, suchen wir uns einen kleinen Weg raus, den wir laufen möchten und biegen von der Strasse darauf ab. Verwöhnt von der schweizerischen Wegbeschilderung und verwirrt von den ganzen Abzweigungen, die der Weg macht, entschliessen wir uns auf dem breitesten Pfad zu bleiben, was uns wenig später wieder auf die Strasse zurückführt. Zum Glück ein bisschen weiter unten, sonst wären wir noch, ohne es zu merken, im Kreis gelaufen. :D haha
Wir laufen also noch weiter die Strasse hinunter und kommen an dem Ende, der uns empfohlen Tour an, einem Picknickplatz. Weil uns das noch nicht genug ist und wir auf der Karte noch weiter Wege sehen, laufen wir weiter und biegen wieder auf einen Weg ab. Der führt jedoch ins Nichts und wir kehren wieder um. Wir laufen den Weg weiter in die andere Richtung und endlich sehen wir ein paar Menschen, die auch dort laufen. Ein paar Einheimische schicken uns nach rechts weg, parallel an einem Fluss entlang. Ein wirklich schöner Weg. Wir überqueren den Fluss, als wir an einem Zaun ankommen, aber auch hier führt der Weg nicht weiter. Auf der anderen Seite des Flusses laufen wir wieder zurück und lesen aus den Spuren (Verpackungsmüll von Chips und Getränken), dass die meisten Leute hier wohl zum Fluss laufen und in den tieferen Stellen baden, und dort verweilen. Tatsächlich kommt uns eine Gruppe Leute entgegen, die nur mit Badekleidern bekleidet, nicht nach einem Wanderabenteuer aussehen.

bacharviJPG

Wir geben auf und fühlen uns ein bisschen dumm und unfähig. Laufen zurück und setzen uns in einen kleinen Imbiss für einen Fruchtsmoothie. Jemand aus meiner Sprachschule kommt noch vorbei und erzählt, dass er eine Tour mit einem Guide gebucht habe, da es scheinbar auch gefährlich sei, die Pfade alleine zu laufen, wegen zwielichtiger Gestalten. Wir denken uns, dass es vielleicht ganz gut war, dass wir die Wege nicht gefunden haben. Da wir finden, dass wir schon genug gelaufen sind, buchen wir die Tour nicht, sondern fahren mit der Gondel wieder nach unten in die Stadt. Vorher assen wir auf dem Markt aber noch einen Früchtebecher, in dem echt feine und reife Früchte waren.

gondel parqueJPG

Der botanische Garten

Bei einem weiteren Ausflug fuhren wir in den botanischen Garten der Stadt Medellín. Er liegt wirklich recht zentral und ist nicht allzu gross. Der Eintritt ist kostenlos und es gibt unterschiedliche Themenbereiche. Es ist schön zwischen dem Grün der Bäume und Pflanzen zu laufen und die Tiere zu beobachten. Wir sehen Affen, Schildkröten und grosse Leguane, die sich mitten auf dem Weg sonnen. Zu unser aller Leidwesen, können es die Besucher nicht unterlassen sie anzufassen, weshalb sie natürlich flüchten, aber immer nur ein paar Schritte, denn sie brauchen ja die Sonne, um Energie zu tanken.

leguanbotgartjpg

Beim Weiterlaufen durch den Park fanden wir dann noch ein architektonisch schönes Bauwerk, welches Luki in den nächsten Sätzen kurz beschreibt :)

„In Anlehnung an einen urbanen Wald wiedergibt das Werk das natürliche Spiel zwischen Licht und Schatten. Das angenehme Kühl, sowie die Geborgenheit lädt einen zum Verweilen ein. Erreicht werden die Eigenschaften durch scheinbar willkürliche Ausrichtung der einfachen Holzverkleidung. Ein gelungener Mehrwert für Park und Besucher.“
- Lukas Schmid

So genug Gesäusel. Der botanische Garten ist ein schönes Ausflugsziel für ein bis zwei Stunden, oder aber den ganzen Tag, wenn man dort auf einer der Wiesen liegen möchte. Wir gehen recht bald wieder, wir haben nämlich Hunger.

botgart1JPG

botgart2JPG

Centro

Die zweite Free Walking Tour, also Touren, die „kostenlos“ sind, bei denen man aber am Ende dem Guide Trinkgeld gibt, führte uns ins Zentrum von Medellín. Über die erste gibt es einen separaten Blogeintrag.
Wir treffen uns am Morgen mit dem Guide und dem Rest, der überschaubaren Gruppe, an der Metrostation, in der Nähe unseres Hostels. Als dann alle da sind, nehmen wir die nächste Metro und fahren drei Haltestellen ins Zentrum. Nach dem Ausstieg laufen wir zu einer alten Eisenbahn, wo wir uns setzen und der Guide uns etwas über die Vergangenheit der Stadt erzählt. Berühmt für die Gefährlichkeit und den Drogenhandel, ist die Stadt bemüht, ein neues Image aufzubauen. Innerhalb von kurzer Zeit sind die Touristen zahlen rasant gestiegen, was der Stadt gut täte, so die Meinung des Guides. Wir laufen weiter zum Regierungsplatz, in dessen Mitte ein riesiges Monument steht, welches die Geschichte von Kolumbien darstellt. Der Künstler ist praktischerweise direkt darunter beerdigt, da kann man sich den Gang zum Friedhof auch sparen. Um den Platz herum liegen Regierungsgebäude und das Gericht. 

monumentjpg

monument2JPG

Um die Ecke erzählt der Guide weiter, dass die beste Lösung, seiner Meinung nach wäre, wenn Kokain endlich legalisiert würde, damit könnten die Regierungen über Steuereinnahmen mehr Geld generieren und gleichzeitig würden die Kosten für die Bekämpfung des Drogenhandels gesenkt. Er betont allerdings, dass dies seine Meinung ist und er auch nicht wisse, wie die Welt dann aussähe. Wir finden die Theorie interessant, aber auch wir können nicht in die Zukunft schauen. Weiter erklärt uns der Guide, dass vor einigen Monaten leider ein sehr rechtsgerichteter Politiker die Wahl zum Präsidenten gewonnen hat. Er möchte das Friedensabkommen mit den Guerillas ändern (eine kleine Mehrheit der Bevölkerung war bereits bei der Einführung vor Jahren dagegen). Was er sagt, hört sich sehr nach dem an, was so politisch im Rest der Welt gerade abgeht und wir hoffen, dass Kolumbien dadurch nicht wieder erschüttert wird. Es wäre wirklich sehr schade.
Weiter geht’s, über den Parque de Las Luces, der früher – noch überdachte - Anlaufpunkt für Drogendealer, Prostituierte und Obdachlose war. Sozialprojekt rund um den Platz, wie Schlafstellen und Suppenküchen, sowie die architektonischen Veränderungen, haben den Platz zu einem Aufenthaltsort für die Bevölkerung gemacht, der in der Nacht sehr schön beleuchtet ist. Weiter geht es über die Carrera 52. Das Papaya-Level steigt (ca. Level 3). Das bedeutet, man soll auf seine Sachen aufpassen und nicht leichtfertig mit Wertsachen umgehen. Die Kolumbianer nutzen den Spruch „No dar papaya!“, um auszudrücken, dass man anderen keinen Vorteil geben soll, einen z.B. zu beklauen. Mit den Rücksäcken vor dem Bauch navigieren wir durch das Gewusel auf der Strasse, links und rechts sind Geschäfte für alles Mögliche – die Shoppingmeile der Stadtbewohner. Wir erfahren, dass hier um alles gehandelt wird, ca. 15-20%, ausser um Essen. Das kostet so viel wie angegeben. In einem alten Kolonialhaus, welches früher als Gericht funktioniert hat, befindet sich nun ein kleines Einkaufszentrum. Die ehemaligen Büros und Säle sind umfunktioniert so Läden. Es durfte nur unter der Bedingung genutzt werden, dass es so renoviert wird, wie es ursprünglich mal ausgesehen hat. Das Gebäude hat ein tolles Flair und sieht sehr schön aus von innen.

Einkaufsmalljpg

Wir laufen weiter zu einer Kirche an einem kleinen Platz, die Kirche der Fremden, also eigentlich unsere, wie der Guide sagt. Davor stehen Prostituierte, unser Guide erklärt uns, dass viele die Religion als Freifahrtschein benutzen und hinterher dann einfach in der Kirche beten gehen. Da es scheinbar momentan eine steigende Zahl von pädophilen Sextouristen gibt, bittet der Guide uns noch, falls wir so etwas sehen, direkt die Polizei zu rufen. Alle stimmen zu, wir haben jedoch nichts der gleichen gesehen, aber in den Hostels, in denen wir sind, fallen uns die Sticker auf, mit denen die Eigentümer klar machen, dass sie dagegen vorgehen und es in ihrem Hostel verboten ist.

kircheveracruzjpg

Auf dem Platz dürfen wir ausschwärmen und das Essen der Restaurants / Bäckereien probieren. Wir treffen uns bei einer Statue eines ziemlich dicken Pferdes wieder. Ein paar Meter weiter steht schon die nächste und dann sehen wir den Platz, der voll ist von Statuen, Pferde, Hunde, Männer, Frauen, die alle ziemlich kurvig, aber auch irgendwie niedlich aussehen. Der Künstler Fernando Botero ist sehr bekannt in Kolumbien. Auf eine seiner Stauen werden wir später noch einmal treffen.

mannpferdjpg

fraujpg

Hundjpg

Hinter dem Platz steht ein riesiges Gebäude aus schwarzen und weissen Steinen, welches eine Renaissance-Gotik Architektur aufweist. Es endet zum Platz hin jedoch abrupt mit einer grauen, flachen Wand und viereckigen Fenstern. Unser Guide erklärt uns, dass dies nun die Mischung aus europäischer und südamerikanischer Architektur sein. Das Gebäude sollte ursprünglich viel grösser werden, doch die Anwohner fingen an den flämischen Architekten zu kritisieren, so lange bis der nach ca. 1/3 des Gebäudes die Schnauze voll hatte und zurück nach Europa ging. Herr und Frau Kolumbianer wollten das Gebäude zu erst fertig stellen, fanden es dann wohl aber zu komplex und vollendeten es mit der formschönen Wand. Wir mussten alle ziemlich lachen, ob der Geschichte. Ich habe jetzt nicht recherchiert, also keine Ahnung, ob die stimmt.

palacioplazaboterojpg

palacio2JPG

Wir gehen weiter zu einer Metrostation und bekommen erklärt, dass die Medellíner sehr, sehr stolz auf ihre Metro sind, die die einzige in Kolumbien ist und sie deswegen niemals beschmutzen oder beschädigen würden. Das können wir bestätigen, von dem was wir erlebt und gesehen haben. Ausserdem wurde dort mal eine Handgranate in eine Menschenmenge geworfen, bei dem 16 Menschen starben. Da das eher weniger waren, für die damaligen Verhältnisse, hat den Anschlag schon fast jeder wieder vergessen. Krass, wenn eine Gesellschaft so abstumpft (abstumpfen muss), was geht dann da ab?!
Wir laufen weiter auf den nächsten Platz, der Treffpunkt für viele Leute der Stadt ist, dort sitzt man und spielt Karten (früher um Geld) und unterhält sich. Eine ältere Dame kommt und bedankt sich, dass wir ihre Stadt angucken kommen. Gerührt gingen wir weiter, wieder vollgas in das Gewusel, die nächste Einkaufsstrasse, sogar mit Tram, wie wir feststellen. Die Leute gucken uns an, manche begrüssen uns mit „Bienvenidos“ (Herzlich Willkommen) und freuen sich, wenn man sie zurück grüsst.
Zum Abschluss der Tour finden wir uns auf der Plaza de San Antonio ein. Dort stehen zwei quasi identische Statuen (dicke Tauben) des Künstlers Fernando Botero, nur dass die eine ziemlich zerfetzt aussieht. Während eines Festes auf dem Platz, wurde unter einer der Tauben eine Bombe platziert, die explodierte und viele Menschen tötete. Die Bombe hat die Taube auch ordentlich in Stücke gesprengt, aber der Künstler wollte, dass sie stehen bleibt. Er spendete eine neue Taube, die identisch mit dem Urzustand der nun kaputten ist. So stehen wir also hier zwischen den beiden Tauben, alt und neu, viel besser kann man die Verwandlung wohl nicht vorbildlichen. 

voegelJPG

Nach 3.5 Stunden Tour entliess uns der Guide und wir fuhren zurück zum Hostel.
Uns hatte jedoch das Zentrum so gut gefallen, das wir wieder herkamen und auch noch das Museo Casa de la Memoria (Haus der Erinnerung) besuchten. Das Museum erzählt noch mal ein bisschen die Geschichte und man kann alte Zeitungsberichte in einem digitalen Archiv nach lesen. Es ist ausserdem auch ein Mahnmal.
Ein letzter Stopp an dem europäisch-kolumbianischen Architekturmeisterwerk und dann wieder zur Metro. Papaya-Level 1.